Schulwechsel: Zauberhafter Ernst des Lebens

18 Aug 2020 Von Stephan 2

Brief an eine saarländische Tochter in Klasse 5


Meine liebe Tochter,

„Grundschulkind.“

Das hört sich seit gestern unheimlich weit weg und unheimlich klein an.

Denn nun bist du in der fünften Klasse, in einer „weiterführenden“ Schule.

Aus dem Ranzen ist fast über Nacht ein Rucksack geworden. Ein neues Mobiltelefon – nur für den Notfall, selbstverständlich – steckt nun sogar in dieser Tasche. Statt einen kurzen Schulweg mit den anderen „Kleinen“ zu laufen, steht nun allmorgendlich eine Radfahrt in die Stadt auf die andere Seite der Saar an. Aus der beschaulichen Schulanlage „am alten Kloster“ wechselst du in ein veritables, in deinen Augen riesiges und noch sehr unübersichtliches Gymnasialgebäude. Und aus den paar Fächern in der Grundschule ist ein großes Curriculum geworden, das mit der Zeit – schon nächstes Jahr – noch größer wird. Und aus der Klassenlehrerin wird ein Kollegium mit wechselnden Lehrern in den verschiedenen Fächern. Ganz zu schweigen von den neuen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, die du kennenlernen wirst.

Dein Urgroßvater hätte gestern zu dir gesagt: „Heute beginnt der Ernst des Lebens.“ Mit diesem Satz hat er jedenfalls mich konfrontiert. Sowohl bei der Einschulung als auch beim Wechsel ins Gymnasium, beim Eintritt in die Oberstufe und schließlich zur Aufnahme des Studiums, was das Bonmot sukzessiv nicht glaubwürdiger machte.

Vielleicht hat er es aber weniger streng und bedrohlich gemeint, als es in der jeweiligen Situation auf mich wirkte.  Ich würde den Satz deshalb für dich gerne ersetzen oder zumindest ergänzen mit dem zugegeben oft strapazierten Wort von Herrmann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Das würde dem Kern des Gedankens näherkommen, der mich und vielleicht auch deinen Urgroßvater damals und vor allem dich in diesen Tagen und Stunden am Beginn eines neuen Schulabschnittes bewegt.

Ja sicher, der Schulanfang als Abc-Schützin war eine spannende Sache. Die Schultüte, die Geschenke, die feierliche und nicht Pandemie-eingeschränkte Eröffnungszeremonie, das anschließende festliche Essen mit Großmutter und Freunden in Mariendorfs „Villa Christina“ – all das war ein besonderer Tag in deinem Leben. Und du hast ihn genossen. Endlich Schulkind. Die Vorschule in der Kita ging dir da schon länger ziemlich auf die Nerven.

Gestern war der Start prosaischer. Auch, aber nicht nur wegen der Pandemie. Mir hat aber deine Nervosität und deine Neugier imponiert. Es hat mir gezeigt, mit wie viel Respekt aber auch Vorfreude du an die weiterführende Schule herangehst. Das sind die wichtigsten Startvoraussetzungen, viel wichtiger als die Schultüte von damals.

Und so erfasst dieser “ Zauber des Neuen“ tatsächlich auch mich, wenn ich – zur Bücherausleihe oder aus anderen Gründen – durch dein neues Schulgebäude streife. Es sind dabei weniger nostalgische Erinnerungen an die eigene Jugend oder der romantisch-verklärte Blick, den ich aus dem Gesicht mancher Grundschul-Mama kenne, die am liebsten mit im Unterricht dabei gewesen wäre, sich bei jedem Klassenausflug als Begleitperson angeboten hatte und mir daher das Gefühl vermittelte, es handele sich um die Kompensation einer Sehnsucht zurück in die eigene Kindheit oder von etwas, das man während der eigenen Kindheit verpasst haben könnte. Dabei können Eltern schon in der Grundschule das „Loslassen“ einüben und die Kinder inmitten von Gleichaltrigen und begleitet von einem Lehrer oder einer Lehrerin, die Respektperson außerhalb der Familie ist, sich selbst finden lassen.

Mein eigener Zauber, meine neue Neugier auf dein Gymnasium und deine Gymnasialzeit erwachsen also nicht den romantischen Erinnerungen an die eigene Schulzeit. Denn die war gar nicht romantisch und auch nicht jede Erinnerung an diese Zeit – zumal in einem katholischen Internat – ist verklärt oder eignet sich für schwelgende Rückblicke. Ganz und gar nicht. Aber die Faszination des Neuen und vor allem deine große Chance, meine liebe Tochter, jetzt Zeit zu haben, um sich Wissen und Erfahrung anzueignen, sind schon ein, dein großes Glück. Das auch mich lächeln lässt. Neue Wissenswelten erobern – ja, auch die Dinge, die man nachher vielleicht nicht mehr braucht – und mehr über das Leben zu erfahren, sich Perspektiven zu öffnen und neben dem Wissen so unglaublich viel Erfahrung und Prägung mitzunehmen sind ein Faszinosum, das mich bewegt. Natürlich kenne ich die Realitäten des Schulalltages, die auch dich ereilen werden – so wie mich einst auch. Dass man gerade überhaupt keinen Bock auf Mathe, Französisch oder die neue Deutsch-Lektüre hat, die Sache in Physik einfach nicht kapieren oder Erdzyklen hier und jetzt wirklich nicht auswendig lernen will. Natürlich, all das wird kommen. Rückblickend finde ich es jedoch fast ein wenig schade, dass ich gelegentlich die Tendenz hatte, mit dem geringstmöglichen Aufwand – vor allem in den Fächern, die ich nicht mochte – das Klassenziel zu erreichen und sogar am Ende ein einigermaßen hinnehmbares Abitur zu bauen. Eigentlich – so denke ich heute, da deine Schulkarriere so richtig Fahrt aufnimmt – hätte ich mehr lernen, mehr erfahren, mehr wissen, mehr mitnehmen können.

Ich wünsche mir für dich, dass du möglichst alle „blauen Blumen“ am Wegesrand deiner Bildungskarriere pflückst. Dazu sind übrigens nicht immer „Einser-Noten“ erforderlich. Darum geht es nicht. Dafür ist auch kein sogenanntes „Streber-Verhalten“ erforderlich. Und auch die Herausforderungen, Ablenkungen und vermeintlichen „Spielereien“ des Alltages – egal ob das aktuelle Roblox-Update oder die erste Liebe, ein spannendes Buch oder ein cooler Film – zähle ich mit zu den Blumen, die du pflücken solltest.

Manchmal wird dir das alles zu viel sein. Natürlich. Kein Problem. Aber ich wünsche dir, dass deine heutige Neugier und dein heutiger Respekt bleiben bis zum letzten Schultag. Dass die Spannung des ersten Tages, der Zauber des neuen Anfangs zumindest nie ganz verschwindet. Später als Erwachsener fällt das Lernen zweifelsohne schwerer. Auch dann macht es immer noch Spaß, Wissen in sich aufzusagen. Aber manchmal ereilt mich dabei das Gefühl, dass ich den ein oder anderen Hintergrund schon kennen könnte, wenn ich in der Schule etwas ehrgeiziger gewesen wäre.

„Mein Sohn soll es einmal besser haben als ich“ war übrigens das Lebensleitmotiv deines Großvaters und kann als die Leitmotivation seiner Nachkriegsgeneration angesehen werden. Gibt es dieses Motiv heute noch? Oder müsste der Satz heute eher lauten: „Hoffentlich wird es für meine Kinder nicht so schlimm, wie ich es befürchte.“

In einer sich rasant verändernden Welt, meine liebe Tochter, ist die Basis, die du dir ab jetzt schaffen kannst, so wichtig – wichtiger als je zuvor. Viel zu viele Eltern legen darauf vielleicht nicht mehr genug Wert für ihre Kinder, sind geprägt von der eigenen Lebensfrustration oder den realen Schwierigkeiten zu überleben und lassen zu, dass dies auch die Bildungskarriere ihrer Kinder prägt. Das ist in vielfacher Hinsicht verheerend: Denn ausgerechnet in schwieriger werdenden Zeiten erleben wir eine gesellschaftspolitische Erosion und eine Erosion in Sprache, Wissen, Medienkompetenz, dazu eine Wissenschaftsdistanz, die systemgefährdend werden kann.

Besonders dramatisch ist dies deshalb, weil deine Generation und die deiner Kinder noch viel schnellere und viel weitergehende Veränderungen erwartet: durch technischen Fortschritt, durch politische Entwicklungen, durch ökologische und ökonomische Herausforderungen, durch die kleinste und schnellste Welt aller Zeiten. Veränderung gab es zwar immer. Aber nie ging es so schnell und sind diese so existenziell wie heute. Mehr denn je ist ein wacher und gut gerüsteter Geist gefragt. Die Kompetenz, Nintendo-Spiele zu beherrschen, ist dabei hilfreich, aber darin erschöpft es sich nicht. Du hast ein ungeheures Glück, in einem Bildungssystem wie dem bei uns in Deutschland lernen zu dürfen. Zwar hat dieses System immense Defizite, gibt es für Eltern, Schüler, Lehrer genug zu klagen und für die Politik einen Berg von Änderungsbedarfen, den es abzuarbeiten gilt. Ich prognostiziere anstrengende Elternabende, herausfordernde politische Debatten und ein allgemeines Lamento, dass sich die Dinge viel zu langsam ändern. Alles zu Recht. Und doch: Es geht in unseren Schulen in Mitteleuropa nicht um stures Auswendiglernen, um brutale Disziplin, das Erlernen unbedingten Gehorsams oder um die rein ökonomische Verwendbarkeit von Wissen. Es geht zumindest mehr als andernorts um die Bildung von Persönlichkeiten, die Entwicklung von Talenten auf welchem Gebiet auch immer, ein Erziehen zum „Selberdenken“, zur Nutzung der und zum Umgang mit persönlicher Freiheit und zum Erlernen von Eigenverantwortung und gesellschaftlicher Verantwortung. Es geht um den ganzen Menschen, nicht nur um seine Verwertbarkeit oder Verwendungsmöglichkeit. Es geht um das persönliche Urteilsvermögen und um die Fähigkeit, die Auffassungen, Haltungen und Entscheidungen von Bezugspersonen – seien es Lehrer, Eltern oder andere – und von sich selbst bewerten zu können,fundiert widersprechen zu lernen, Visionen zu kennen und Realitäten verändern zu wollen, Vorbilder zu haben, aber ihnen nicht blind zu folgen.

Besonders freut es mich daher übrigens, dass deine weiterführende Schulkarriere unter dem Patronat von Robert Schuman steht, eines Visionärs, eines Versöhners, eines Friedens- und Freundschaftsstifters, eines Europäers. Ein Mann, der nicht nur hier bei uns in der Mitte Europas Staatsgrenzen überwunden und aus Erbfeinden Erbfreunde gemacht hat, sondern dessen Leben und Wirken uns lehrt, wie stark die Kraft der positiven Veränderung werden kann, wenn man daran glaubt und sich dafür engagiert. Denn das Leben und das Lernen sollte nie von den Grenzen gestoppt werden, die man nicht braucht.

„Töte Buddha, wenn du ihn triffst“ lautet ein altes Zen-Koan. Das ist nicht gewalttätig gemeint oder anti-buddhistisch, sondern meint einfach nur: bei aller Einsicht in Lehren, die dich berühren, faszinieren oder leiten, bei aller Strahlkraft von Vorbildern, die dich motivieren – verlass dich darauf nie ganz und ausschließlich. Suche deinen eigenen Weg. Stell deine eigenen Fragen. Setze deine eigenen Prioritäten. Aber: tue es auch. Aktiv! Lass dich nicht treiben von einer Verlockung oder Ablenkung zur anderen, durch die Zeitvertreibe oder von den Verführern. Lass dich nicht zermartern durch die Disziplin der anderen. Sondern gewinne dein Leben durch deine eigenen Regeln, deine Ziele – aber hab welche! Und am besten solche Ziele, die – carpe diem – dich später, zwischendurch, am Ende nichts bereuen lassen oder zumindest nicht zu viel und die den Tumor des „etwas im Leben verpasst zu haben“ nicht wuchern lassen.

Und vergiss bei aller Eigenverantwortung nicht: du bist nicht allein. Es gibt – meist wenige – beste Freunde, die dir helfen. Und es gibt gute Gründe, bei seinen eigenen Handlungen Rücksicht zu nehmen. Nicht nur auf diese besten Freunde, sondern im Zweifelsfall auch auf den schlimmsten Feind. Und beides ist manchmal gleich schwer.

Das, meine liebe Tochter, wollte ich dir mit auf den Weg geben. Wenn du willst, musst du das alles nicht sofort lesen. Du kannst dir ein paar Abschnitte für später aufheben oder einfach nochmal hervorkramen, wenn dir danach ist.

Schule ist Chance. Schule ist Ozean des Wissens. Der Ernst des Lebens bedeutet daher in Wahrheit, darin nicht unterzugehen. Und nicht seine Lebensfreude zu verlieren, sondern – nicht nur am besonderen Tag des Schulanfanges – den Hesseschen „Zauber des Neuen“ spüren zu dürfen. Im Zweifelsfall an jedem Morgen eines neuen Tages.

Viel Spaß dabei. Und denke daran: Der richtig echte Ernst des Lebens beginnt erst nach dem Abitur.

Dein Vater

Saarlouis, im August 2020